Blausteintuch | Von Listen zu Landkarten
22061
post-template-default,single,single-post,postid-22061,single-format-standard,qode-social-login-1.0,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-4.5,side_area_uncovered,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.4,vc_responsive

Von Listen zu Landkarten

Unsere heutige Vorstellung von einer Landkarte fußt auf zweidimensionalen Darstellungen in Atlanten oder auf Satellitenbildern. Wenn wir einer Kartendarstellung auf dem Mobiltelefon folgen, können wir in Zukunft wohl sogar feststellen, auf welcher Straßenseite wir uns befinden. Wir glauben fest daran, die Darstellung der Karte sei eine genaue Entsprechung der Landschaft, die wir durchqueren. Das war aber nicht immer so.


Die Landkarten, so wie unser Protagonist Karge Carlo Dinarese sie kennt und in seinem Portolan sammelt, haben mit der Landkarte von heute weniger zu tun, als mit einer beliebigen To-Do-Liste, die alles in einer Reihe notiert, was man erledigen oder einkaufen soll. Die genaue räumliche Zuordnung der Orte in der Landschaft waren den Menschen der Renaissance gleichgültig. Für sie war es ein erstrangiges Ziel, von einem Ort A zu einem anderen Ort B zu gelangen, ohne überfallen zu werden, auf ein Riff aufzulaufen oder sich auf dem gefährlichen Meer zu verirren.

Eine typische Portulankarte des 14. Jahrhunderts zeigt daher nur eine grobe Küstenlinie, an der die wichtigsten Merkmale – wie bei einer Liste hintereinander und in der Reihenfolge der Orte – aufgeführt sind, die man auf der Reise erreichen wird.

Denn die Karten der Renaissance sind ihrerseits aus reinen Listen ohne gezeichnete Anteile entstanden, die noch im Mittelalter verwendet wurden. In solchen älteren Darstellungen fanden sich stattdessen Verzierungen oder Heiligendarstellungen, die die Reisenden beschützen sollten. Erst nach und nach setzte sich die moderne Vorstellung eines Koordinatensystems durch. Dadurch wurden diese Listen immer detaillierter. Man begann die verschiedenen Zwischenziele auch untereinander zu verbinden, bis sich daraus allmählich eine zweidimensionale Karte entwickeln konnte.

Ein Portulan war ein wertvoller Schatz, der alle möglichen Informationen zu den jeweiligen Orten lieferte, die sich sonst nirgendwo finden liessen. Der Besitzer eines Portulans hütete daher auch dessen Geheimnisse wie seinen Augapfel.

 

Darstellung nach Bedeutung wird vom maßstabsgetreuen Abbild abgelöst.

Schon im 15. Jahrhundert rückte die geografische Darstellung der Landkarten immer stärker in den Vordergrund, politische oder religiöse Themen immer mehr in den Hintergrund. Das lag am geistigen und kulturellen Fortschritt: Die Menschen machten sich ein immer genaueres Bild von den Verhältnissen – ganz irdischer Natur. 
Auf einer venezianischen Weltkarte des 12. Jahrhunderts lag die Stadt Jerusalem aufgrund ihrer Bedeutung für die Christenheit im Zentrum. Ein Kaufmann des 14. Jahrhunderts aus der gleichen Gegend ließ bereits seine Heimatstadt Venedig, im Zentrum der Karte einzeichnen.

Auch heute noch halten wir es so, dass auf einer deutschen Weltkarte Deutschland in der Mitte liegt und die Flächendarstellung nicht etwa mathematisch richtig ist, sondern unseren Vorstellungen entspricht. Der riesige Kontinent Afrika wird zum Beispiel auf den meisten eurozentristischen Weltkarten zu klein abgebildet, während die flächenmäßig winzigen europäischen Staaten im Zentrum der Karte groß wirken. Eine wirklich flächentreue Karte lässt sich nur schwer herstellen, da es sich bei der darzustellenden Erdoberfläche um die Oberfläche einer Kugel handelt, die nicht verzerrungsfrei auf einer zweidimensionalen Karte gezeigt werden kann. Man verwendet also eine sogenannte Projektion.

Die maßstabsgetreue oder auch nur maßstäblichere Darstellung kommt auf Landkarten erst viel später als zu Karges Zeiten zustande; zunächst misst man die Entfernung in Tagesreisen oder ähnlichen Größen. Das hat Gründe, denn das ist nun mal zu Zeiten der Renaissance das, was man auch messen kann. Geht man zur Fuß, wünscht man sich natürlich einen Rastplatz oder Gasthof für eine sichere und trockene Übernachtung. Man wählte also ein Ziel aus, dass man auch in einer Tagesreise zu Fuß wird erreichen können.

 

Straßen als Kommunikationswege.

Ein weiteres Merkmal auf Landkarten waren die alten Römerstraßen, die das einstige Imperium quer durch Europa hinterliessen. Die römischen Baumeister hatten diese Verbindungen auf den kürzesten realisierbaren Strecken angelegt, ihre stabile Konstruktion ließ sie auch bei schlechten Wetterbedingungen passierbar bleiben. Der Reisende der Renaissance findet dort auch die benötigten Dienstleistungen rund um seine Reise: Auf dem flachen Land gab es viel weniger Möglichkeiten unterzukommen, ein Pferd zu wechseln oder sich mit anderen Reisenden auszutauschen, denn auch die Informationen reisten entlang dieser Lebensadern. Entgegenkommende Reisende brachten Nachrichten aus den Städten, die sie besucht hatten. Von möglichen Gefahren, einem Krieg oder einer Epidemie konnte man also schon auf der Straße erfahren.

Auch wenn ein modernes Postsystem zu Zeiten unseres Romans natürlich noch nicht erfunden war, hatten die Kaufleute und Fürsten bereits ein den ganzen Kontinent umspannendes Kommunikationsnetz, auf dem Nachrichten, Wechsel und Waren verschickt wurden. Für die langen Strecken war aber – trotz aller Gefahren auf See – die Schiffsreise sicherer und bequemer.

Abbildung 1: Ebstorfer Weltkarte, ca. 1300, wahrscheinlich im Ebstorfer Kloster (Lüneburger Heide) hergestellt. (Wikimedia)
Abbildung 2: Teil eines venezianischen Portolans von ca 1400 (Foto: Digital Bodleian, University of Oxford)
Abbildung 3: Karte von Konstantinopel (jetzt Istanbul), erstellt 1422 vom Florentinischen Kartografen Cristoforo Buondelmonti (Wikimedia)